Stärkung der freien Szene

Die Linke im Rat der Stadt Bochum, Batıkağan Pulat

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

liebe Kolleg*innen,

liebe Zuschauerinnen,

Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten ist ein Stück, das sich zum Faschismus verhält und die Mehrheit der Menschen möchten nicht, dass Menschen wie sie auf der Bühne stehen.

Sind wir überhaupt noch in der Lage zu erkennen, was hier gerade geschieht?

Es wirkt manchmal so, als sei uns die Sprache verloren gegangen, mit der wir auf

den Rechtsruck in dieser Gesellschaft angemessen reagieren können. Und genau

deshalb möchte ich – bevor ich auf den Verwaltungsvorschlag eingehe – kurz auf

unseren Umgang mit der AfD eingehen.

Denn ich fühle mich hier manchmal wie in meinem Klassenraum:

Ein Kind provoziert, bekommt die gesamte Aufmerksamkeit – und lacht sich einen

weg, weil alle darauf reagieren.

Allein, dass ich schon wieder einen Teil meiner Rede darauf verwenden muss, sollte

uns alarmieren.

Die Angriffe der AfD – auch hier im Kulturausschuss und im Rat – sind kein Zufall.

Sie sind Teil eines politischen Projekts. Ein Projekt, das – um es mit Eva von

Redecker zu sagen – den liberal-demokratischen Gesellschaftsvertrag aufkündigen

will.

Indem die freie Szene als „kürzungswürdig“ dargestellt wird, wird ein Mythos

aufgebaut:

Dass Kulturinstitutionen angeblich im Geld schwimmen würden.

Dieser Mythos ist falsch.

Und er ist gefährlich.

Denn während wir uns an diesen Provokationen abarbeiten, passiert etwas anderes:

Wir kommen kaum noch dazu, uns inhaltlich mit den eigentlichen Fragen zu

beschäftigen.

Und deshalb müssen wir uns ehrlich fragen:

Ist es der richtige Weg, auf jede Provokation einzugehen?

Oder verlieren wir dabei aus dem Blick, worum es eigentlich geht?

Denn die Realität ist doch längst da:

1Wegfallende Landesförderungen, steigende Mieten, Inflation, Abwanderung in

sichere Berufe, erste Insolvenzen.

Die Krise der freien Szene ist keine Zukunftsfrage.

Sie passiert.

Und sie ist nicht nur eine materielle Krise –

sie ist auch eine Krise der Verunsicherung.

Lassen Sie mich kurz ein paar Zahlen nennen:

Im letzten Haushalt betrug der Kulturetat etwa 4 % – rund 73 Millionen Euro.

Davon gehen etwa 95 % an städtische Institutionen.

Für die freie Szene bleiben etwa 3 % – also etwas über 2 Millionen Euro.

Und dieses Geld teilen sich rund 31 Institutionen. 109 Projektförderderung. 140

Akteur*innen werden von dieser Summe bezahlt. Das sind nur die geförderten.

Darunter sind Arbeitgeber. Mittelständische Betriebe. Orte, die mit minimalen Mitteln

enorme Arbeit leisten.

Denn eines haben sie gemeinsam:

Sie tragen maßgeblich zur Stadtentwicklung, zur Quartiersarbeit und zum sozialen

Zusammenhalt bei.

Aber Zahlen allein reichen nicht.

Die eigentliche Frage ist doch:

Was ist die freie Szene – und warum gibt es sie überhaupt?

Die bereits in den 70er Jahren formulierte Idee ‚Kultur für alle‘ war ein Bruch mit dem

elitären KulturverständnisSie hat Räume geöffnet.

Sie hat Menschen eingeladen, selbst Teil von Kultur zu werden.

2Aus diesem Gedanken ist das entstanden, was wir heute die freie Szene nennen:

eine vielfältige, oft selbstorganisierte, durchlässige Kulturlandschaft.

Und diese Durchlässigkeit ist entscheidend.

Denn während der Zugang zu Hochkultur für viele Menschen nicht selbstverständlich

ist, ermöglicht die freie Szene Teilhabe.

Im Ruhrgebiet leben rund 40 % Menschen mit Migrationsgeschichte. Im Ruhrgebiet

gibt es viele Menschen aus Arbeiterschichten.

Die freie Szene ist einer der Orte, an denen diese Vielfalt sichtbar– und wirksam

wird.

Wir finanzieren hier kein Hobby.

Und wir finanzieren keine politische Agenda.

Wir finanzieren Demokratie.Begegnung.Teilhabe.

Die Frage ist:

Lassen wir diese fragilen, aber wichtigen Strukturen einfach im Regen stehen?

Oder haben wir den Mut, Tabus zu brechen und sie strukturell zu stärken?

Dafür müssen wir auch die freie Szene einladen sich an Reflexionen zu beteiligen:

Was kann sie tun damit die Arbeit öffentlicher wird?

Wie kann die Stadt dabei unterstützen?

Wie gehen wir mit Generationenkonflikten um? Aktuell ist es nämlich so, je älter die

Institutionen sind, desto größer die Förderung. Neue Akteur*innen kriegen kaum was

ab.

Ja, alle müssen sich unbequemen Fragen widmen.

Liebe Kolleg*innen,

ich möchte Sie ausdrücklich dazu anregen, in Ihren kommenden

Haushaltsverhandlungen genau darüber nachzudenken:

Wie wollen wir Bochum als Kulturstadt weiterentwickeln?

Die freie Szene ist dafür kein Randthema.

Sie ist zentral.

Ihr Budget muss perspektivisch deutlich erhöht werden.

Wir als Linke haben heute keinen Änderungsantrag gestellt – nicht, weil wir keinen

Bedarf sehen, sondern weil wir aktuell noch keinen ausgereiften

Finanzierungsvorschlag haben.

Aber:

Sprechen Sie mit Ihren kulturpolitischen Sprecher*innen.

Nehmen Sie diese Perspektive ernst. Lassen Sie uns gemeinsam eine Lösung

finden.

In welcher Stadt wollen wir leben?

In einer Stadt, in der Kultur verknappt wird –

oder in einer Stadt, in der sie verbindet?

Denn eines zeigt sich immer wieder:

Wo Kultur stark ist, ist der soziale Zusammenhalt stark.

Und wo sozialer Zusammenhalt stark ist, hat Rechtsextremismus weniger

Raum.

Die freie Szene ist kein Add-on.

Kein Luxus.

Kein Hobby. Sie ist ein Grundpfeiler unserer Stadtgesellschaft.

Kunst ist Arbeit. Und von Arbeit muss man leben können.