Ratsbürgerentscheid zur Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele
Im Zusammenhang mit der geplanten Bewerbung der Region Rhein-Ruhr um die Austragung Olympischer und Paralympischer Spiele soll ein Ratsbürgerentscheid durchgeführt werden. Aus unserer Sicht lässt die Begründung der Verwaltungsvorlage wesentliche Fragen offen. Insbesondere werden zentrale Annahmen – etwa zu finanziellen Effekten, zum Nutzen für den Breitensport oder zu sozialen Auswirkungen – nicht ausreichend belegt.
1. Auswirkungen auf den Breitensport
In der Vorlage wird behauptet, dass die Bewerbung und Ausrichtung der Olympischen Spiele zu einer nachhaltigen Förderung des Breitensports führen würden. Die sportwissenschaftliche Forschung kommt jedoch zu anderen Ergebnissen. Eine Metastudie von Lion et al. (2022), die 36 wissenschaftliche Arbeiten auswertet, findet keinen Nachweis für einen positiven sogenannten „Trickle-Down-Effekt“ des Leistungssports auf die sportliche Aktivität der Gesamtbevölkerung.
Fragen:
1a) Auf welcher fachlichen oder wissenschaftlichen Grundlage beruht die Aussage, der Breitensport werde nachhaltig profitieren?
1b) Sind der Verwaltung die Studie von Lion et al. (2022) oder vergleichbare Untersuchungen bekannt?
– Falls ja: Warum wurden deren Ergebnisse in der Vorlage nicht berücksichtigt?
– Falls nein: Wird die Verwaltung die getroffenen Aussagen vor diesem Hintergrund überprüfen?
1c) Welche wissenschaftlichen Studien wurden bei der Erstellung der Vorlage herangezogen? Es wird um eine vollständige Auflistung gebeten.
2. Soziale Gerechtigkeit und Verdrängungseffekte
Internationale Erfahrungen zeigen, dass Olympische Spiele regelmäßig mit erheblichen sozialen Nebenfolgen verbunden sind. Die Studie von Lopes dos Santos et al. (2025) dokumentiert unter anderem Verdrängung einkommensschwacher Bevölkerungsgruppen, starke Mietpreissteigerungen, Gentrifizierung sowie gebrochene Zusagen zu bezahlbarem Wohnraum in früheren Austragungsstädten wie London, Rio de Janeiro, Barcelona, Vancouver oder Athen. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass solche Effekte strukturell mit Olympischen Spielen verbunden sind.
Fragen:
2a) Welche konkreten Maßnahmen plant die Stadt Bochum, um Mietpreissteigerungen und Verdrängungseffekte zu verhindern?
2b) Gibt es bestehende oder geplante Konzepte zum Schutz von Mieterinnen und Mietern? Wenn ja, welche?
2c) Wurden diese bekannten sozialen Risiken in der bisherigen Risikoabschätzung berücksichtigt?
2d) Plant die Stadt eine systematische Erhebung von Miet- und Immobilienmarktdaten vor und während der Bewerbungsphase, um spekulative Entwicklungen frühzeitig zu erkennen?
3. Kosten, Finanzierung und Risiken
Die Vorlage stellt in Aussicht, dass für die Durchführung der Olympischen Spiele keine öffentlichen Mittel eingesetzt würden. Gleichzeitig wird eingeräumt, dass Infrastrukturkosten derzeit nicht bezifferbar sind, die Paralympischen Spiele einen Zuschuss aus öffentlicher Hand benötigen und mit allgemeinen Kostensteigerungen zu rechnen ist. Internationale Studien – insbesondere die Oxford Olympic Study – zeigen jedoch durchschnittliche Kostenüberschreitungen von über 170 % bei Olympischen Sommerspielen seit 1960.
Fragen:
3a) Welche wissenschaftlichen Studien zu Kostenüberschreitungen bei Olympischen Spielen sind der Verwaltung bekannt und wurden berücksichtigt?
3b) Auf welcher methodischen Grundlage wurden die bisherigen Kostenschätzungen erstellt? Wurden Risikozuschläge einkalkuliert?
3c) Warum werden Infrastrukturkosten bislang nicht konkret beziffert, obwohl sie für eine informierte Bürgerentscheidung zentral sind?
3d) Welche Obergrenze für finanzielle Verpflichtungen der Stadt Bochum ist vorgesehen, und wer trägt mögliche Kostenüberschreitungen?
4. Historische Verantwortung und das Jahr 2036
Eine Bewerbung für das Jahr 2036 hätte besondere historische Bedeutung, da sie 100 Jahre nach den Olympischen Spielen von 1936 stattfinden würde, die vom nationalsozialistischen Regime für Propagandazwecke instrumentalisiert wurden. Auch die Spiele von 1972 in München sind untrennbar mit dem terroristischen Anschlag auf die israelische Mannschaft verbunden.
Fragen:
4a) Wird die historische Dimension einer Bewerbung für 2036 in der öffentlichen Kommunikation thematisiert? Wenn ja, in welcher Form?
4b) Warum soll ein Bürgerentscheid auch das Jahr 2036 umfassen, obwohl die Vorlage selbst einräumt, dass dieses Jahr möglicherweise nicht realistisch ist?
4c) Welche zivilgesellschaftlichen Akteure sollen in ein angemessenes historisches Gedenken einbezogen werden?
5. Umgang mit vulnerablen Gruppen
Im Vorfeld der Olympischen Spiele in Paris 2024 kam es nachweislich zur Verdrängung obdachloser Menschen aus dem öffentlichen Raum.
Fragen:
5a) Welche Maßnahmen könnten im Zuge einer Bewerbung oder Vorbereitung in Bochum zu einer Verdrängung obdachloser Menschen führen?
5b) Wie soll der Schutz vulnerabler Gruppen (Obdachlose, Geflüchtete, Menschen mit Behinderung) konkret sichergestellt werden?
5c) Welche Menschenrechtsorganisationen und Wohlfahrtsverbände werden in die Planungen einbezogen?
6. Korruptionsrisiken und Compliance
Die Geschichte Olympischer Spiele ist von zahlreichen Korruptions- und Bestechungsskandalen begleitet.
Fragen:
6a) Wie bewertet die Stadt Bochum das Risiko, im Zuge einer Bewerbung in Korruptions- oder Compliance-Skandale verwickelt zu werden?
6b) Welche rechtlichen und finanziellen Folgen hätte eine solche Verwicklung für die Stadt?
6c) Welche konkreten Compliance- und Transparenzmaßnahmen sind vorgesehen?
7. Kommunale Selbstbestimmung und Host City Contract
Die sogenannten Host City Contracts des IOC werden vielfach als einseitig zugunsten des IOC kritisiert.
Fragen:
7a) Wird der Host City Contract dem Rat vor Unterzeichnung vollständig vorgelegt und zur Abstimmung gestellt?
7b) Welche Konsequenzen hätte eine Ablehnung durch den Rat?
7c) Welche Verpflichtungen und Einschränkungen wären für die Stadt Bochum zu erwarten?
7d) Wie wird die Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz und der Gemeindeordnung NRW sichergestellt?
8. Volkswirtschaftlicher Nutzen und Kosten-Nutzen-Analyse
Die Vorlage behauptet einen volkswirtschaftlichen Nutzen und fiskalische Effekte, ohne diese zu belegen. Internationale Studien kommen überwiegend zu gegenteiligen Ergebnissen.
Fragen:
8a) Welche konkreten Einnahmen erwartet die Stadt Bochum?
8b) Wurden Opportunitätskosten berechnet?
8c) Wie viele dauerhafte Arbeitsplätze werden konkret für Bochum erwartet?
8d) Wurde eine unabhängige wirtschaftswissenschaftliche Kosten-Nutzen-Analyse durchgeführt?
9. Steuererleichterungen und Einnahmeausfälle
Im Rahmen von Olympischen Spielen werden dem IOC und beteiligten Unternehmen regelmäßig weitreichende Steuererleichterungen eingeräumt.
Fragen:
9a) In welcher Höhe sind für Bochum Einnahmeausfälle durch Steuererleichterungen zu erwarten?
9b) Wie sollen diese Ausfälle kompensiert werden?
9c) Wie rechtfertigt die Stadt mögliche Vorteile für private Akteure angesichts der angespannten kommunalen Haushaltslage?
